Aufgabe 1
1 Punkt- Das Portemonnaie lag auf dem Sitz neben mir, als ich im Vierertram
- von meinem Buch aufschaute. Es war aus braunem Leder und an den
- Ecken abgewetzt. Wem es gehörte, wusste ich nicht. Ich schaute mich
- um, aber niemand achtete auf mich. Also steckte ich es ein, bevor
- 5ich richtig überlegt hatte, und stieg an der nächsten Haltestelle aus.
- Zu Hause schloss ich die Zimmertür hinter mir und klappte das
- Portemonnaie auf. Darin steckten zwei Hunderternoten, ein Zettel
- und ein Schülerausweis. Das Gesicht auf dem Foto erkannte ich sofort:
- Ramon Gerber aus der Parallelklasse. Ramon nannte mich seit der
- 10ersten Sek nur «Professor», weil ich in der Pause lieber las, als
- Fussball zu spielen. Wenn er es sagte, lachten alle, und ich lachte
- mit, damit niemand merkte, wie sehr es mich störte.
- Zweihundert Franken. Ich dachte an die Kopfhörer im Schaufenster
- beim Bahnhof, die ich mir seit Monaten wünschte. Niemand hatte mich
- 15gesehen. Und hatte Ramon es nicht verdient? Eine Weile sass ich da
- und drehte den Ausweis zwischen den Fingern. Dann faltete ich den
- Zettel auseinander. «Geschenk für Nonna: Schal (rot!), Karte, Blumen»
- stand darauf, in einer runden, sorgfältigen Schrift. Darunter hatte
- jemand ein kleines Herz gezeichnet.
- 20Ich zog die Jacke wieder an.
- Die Adresse stand auf der Rückseite des Ausweises. Das Haus lag am
- anderen Ende des Quartiers, und ich ging so langsam wie möglich.
- Unterwegs übte ich Sätze ein. «Ich habe das gefunden.» Oder besser
- gar nichts sagen, das Portemonnaie in den Briefkasten werfen und
- 25verschwinden. Doch der Briefkasten hatte nur einen schmalen Schlitz.
- Ein kleines Mädchen öffnete die Tür. Hinter ihm tauchte Ramon auf,
- mit geröteten Augen, als hätte er geweint. Als er mich sah, blieb er
- stehen. Ich hielt ihm das Portemonnaie hin. Er nahm es, öffnete es
- und zählte nach, ohne mich anzusehen. «Das Geld ist für das Geschenk
- 30unserer Grossmutter», sagte er leise. «Wir haben alle zusammengelegt.»
- Dann schwieg er. Ich nickte, murmelte etwas von «im Tram gefunden»
- und ging, bevor er noch etwas sagen konnte.
- Am Montag stand ich wie immer mit meinem Buch in der Ecke des
- Pausenplatzes. Ramon kam mit seinen Kollegen vorbei. Ich wartete auf
- 35das Wort und auf das Lachen. Doch Ramon blieb stehen, schaute kurz
- auf mein Buch und dann zu mir. «Ist es spannend, Luca?», fragte er.
- Seine Kollegen sahen ihn verwundert an. Ich brauchte einen Moment,
- bis ich verstand, was an diesem Satz anders war.
Welches Wort aus dem Text, Zeilen 1–5, passt am besten zur folgenden Aussage? Notiere nur ein Wort.
Das Leder des Portemonnaies ist an den Ecken stark abgenutzt.
Antworte mit einem Wort oder wenigen Wörtern, nicht mit einem ganzen Satz.